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Das hölzerne Kreuz

Das Holzkreuz wird als bekanntes Objekt häufig automatisch mit dem Christen­tum verbunden. In der evangelischen Kapelle in Friedland ist es im Zentrum hinter dem Altar befestigt. Welche Fragen wirft das Holzkreuz in dem durch verschiedene Religionen geprägten Umfeld von Friedland auf und welche neuen Sichtweisen auf das Objekt eröffnen sich?

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Das Holzkreuz in der evangelischen Lagerkapelle in Friedland

Das Holzkreuz ist im Zentrum der evangelischen Kapelle in Friedland an der Wand befestigt. Es be­steht aus zwei hellbraunen Holzplanken, die ca. 70 und 40 Zentimeter Länge umfassen. Es ist keine Jesusfigur an ihnen angebracht. Die Friedländer Gottesdienste finden unter diesem Kreuz statt – Sie werden durch Pastor Harms und Diakon Shahinian, der selbst vor vielen Jahren aus Aleppo nach Deutschland gekommen ist, durchgeführt und durch ihn zeitgleich auf Arabisch übersetzt. Der Gottes­dienst ist als solcher zwar durch christliche Inhalte geprägt, doch richtet er sich an alle Menschen in Friedland; ob Muslim*in, Christ*in, Jesid*in oder jüdische*r Lagerbewohner*in. Pastor Harms führt die Gottes­dienste in dieser Form seit Oktober 2016 durch. Einen Pastor gibt es allerdings schon seit dem Jahr 1945 in Friedland; die evangelische Lagerkapelle existiert seit dem Jahr 1949.

In den regelmäßigen Besuchen der Gottesdienste fiel mir immer wieder die starke Präsenz des Holz­kreuzes durch dessen Größe und Platzierung in der Kapelle auf. Ich interessiere mich für unterschied­liche Perspektiven auf das Holzkreuz, frage mich, wie die Reaktionen der Besucher*innen auf das Kreuz ausfallen und welche Fragen für weitere Forschungen generiert werden können.

Die Gottesdienste finden montags und mittwochs um 18 Uhr statt. Die ersten Reihen der Kapelle sind meist früh gefüllt. Diakon Shahinian begrüßt die Besucher*innen und spricht mit ihnen auf Arabisch.

Anschließend kommt auch Pastor Harms in die Kapelle und begrüßt die Menschen. Er verweilt kurz vor dem Holzkreuz und nimmt seinen Platz hinter dem Altar ein. Von außen scheint es, als würden die Besucher*innen das Kreuz und den christlichen Ort als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Men­schen, die neu in den Raum kommen, schauen sich zunächst um, doch nehmen sie dann meist zügig auf den Sitzbänken Platz. Es herrscht Pastor Harms zufolge vor allem eine Neugierde in der Kapelle vor. Erst kurz bevor er zu sprechen beginnt, schauen sich zwei Jungen in der ersten Reihe belustigt an und lachen leise.

„Willkommen! Ich weiß zwar, dass das hier eine christliche Kapelle ist und die meisten von Ihnen Muslime sind, doch wir möchten heute die Gemeinsamkeiten unserer Religionen betonen und nicht die Unterschiede, die doch viel zu häufig hervorgehoben wer­den. Trotzdem rede ich natürlich gerne über Jesus mit Ihnen, denn ich weiß, dass Jesus auch in Ihrer Religion ein großer Prophet ist.“

Anschließend nimmt Pastor Harms auf die Geschichten der Bewohner*innen Bezug und fragt, wer über die Türkei nach Deutschland gekommen sei. Er regt die Menschen dazu an, von ihren Geschich­ten und gelernten Sprachen zu erzählen. Danach werden biblische Psalmen vorgetragen und auf Ara­bisch über­setzt. Es werden außerdem Lieder auf Hebräisch, Arabisch und Deutsch gesungen. Über dieser neu gestalteten Konzeption des Gottesdienstes hängt das Kreuz als vorrangig christlich assoziiertes Objekt.

Ich frage mich, wie diese unterschiedlichen Ebenen miteinander konform gehen. Ist das Kreuz durch die neue Konzeption des Gottesdienstes und den Blick der Bewohner*innen zu einem neuen Objekt geworden und als solches überhaupt so zentral, wie es in der Lagerkapelle dargestellt ist? Kann es nicht auch versehentlich übersehen oder in einem vollkommen anderen Kontext (der eigenen Reli­gion?) betrach­tet werden?

Auch Pastor Harms könnte sich vorstellen, dass sich der Raum der Kapelle und das Holzkreuz für (z. B.) gläubige Muslim*innen durch ihren Blick auf das Kreuz und die Anerkennung einer anderen Welt­reli­gion verändern könnten. Samah Al-Jundi-Pfaff, die als Mitarbeiterin des Museums z. B. durch ihr Pro­jekt „Let’s make it“ eine interaktive Verbindung zwischen dem Museum und den Bewohner*innen her­stellt, berichtet mir aus ihrer Perspektive trotz allem von der anfänglichen Scheu vieler Bewoh­ner*innen einen christlichen Gottesdienst zu besuchen. Schafft das Holzkreuz hier auch eine Barriere für die Bewohner*innen, die sich in ihrer eigenen Religion materiell zunächst nicht wiederfinden kön­nen?

Es gilt nun, nach all diesen Eindrücken, die Perspektiven der Lagerbewohner*innen in den Vordergrund zu stellen: Wie betrachten sie das Holzkreuz und die evangelische Kapelle? Welche Geschichten, Erlebnisse und Erinnerungen verbinden sie mit ihm und dem Gottesdienst in Friedland? Erst durch ihre Aus­sa­gen können Antworten auf die oben genannten oder andere Fragen gefunden werden.

Katharina Brunner

Holzkreuz