Der Silberlöffel

Der Silberlöffel stammt aus dem Familienbesitz von Emilie Waschkies. Er ist eines der wenigen Dinge, die Emilie bei ihrer Flucht vom Gutshof der Familie in Laugallen im Memelland im Januar 1945 mitnehmen und bewahren konnte. 2012 überreichte Emilies Enkelin den Löffel - und dessen Geschichte - dem Museum Friedland.

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Der Silberlöffel

Der unauffällige Silberlöffel, den ein florales Muster schmückt, erzählt die Geschichte der Familie Waschkies. Eine Gravur verweist auf die (frühere) Besitzerin. Die Initialien „EW“ stehen für Emilie Waschkies. 1

Emilie Waschkies flüchtet gemeinsam mit ihrer Tochter und Enkelin im Januar 1945 vom Gutshof der Familie in Laugallen im Memelland (heute Litauen). Die sowjetische Armee holt sie ein und verschleppt sie zum Arbeitseinsatz nach Weißrussland. Unter den sehr wenigen Sachen aus ihrem Fluchtgepäck, die sie zu diesem Zeitpunkt noch haben, ist neben einem Kochtopf und einem Taschenmesser auch dieser Löffel. Er steckt in einem Honigglas, das Emilie in ihrer Handtasche mit sich trägt.

Der Fußmarsch der Gefangenen ist schrecklich: es ist kalt, es gibt kaum etwas zu essen; kleine Kinder, die nicht mehr alleine laufen können, müssen zurückgelassen werden. In dieser ausweglosen Situation gibt Emilie ihrer zehnjährigen Enkelin Christa ab und an einen Löffel Honig. Bei unserem Treffen erinnert Christa Leifert diesen Löffel voller süßem Honig als eine große Stärkung. Emilie selbst fällt immer mehr in sich zusammen. Im Oktober 1945 stirbt die 66-jährige schließlich, völlig entkräftet.

Christa Leifert und ihre Mutter treffen 1948 im Lager Friedland ein, in ihrem spärlichen Gepäck ist auch der kleine Silberlöffel. Für Christa ist er ein Andenken, zum einen an die Verstorbene und die Umstände ihres Todes, zum anderen auch an den Besitz der Familie in der Vergangenheit. Der kleine Löffel zeugt als einziges Überbleibsel von der großbäuerlichen Lebensweise auf dem Gutshof.

Für mich steht dieser Löffel darüber hinaus als ein Sinnbild für das Leben an sich und das Überleben. So wie das Tafelsilber in den Familien von Generation zu Generation vererbt wurde oder wird, so reicht hier die Großmutter den Löffel weiter, um das Leben ihrer Enkelin mit etwas zusätzlicher Nahrung, soweit es ihr möglich ist, zu schützen.

Katrin Pieper

[1] Seit 2012 ist der Löffel in der Obhut des Museums Friedland. Seit dessen Eröffnung wird sie im Dachgeschoss des Museums, im Raum "7 Sachen" ausgestellt.

Tonaufnahme aus der Ausstellung