Vom Wert der Eigentumsurkunde

Bereits vor Ausbruch des Krieges in Syrien hatte Herr M. für seine Familie, Ehefrau und drei Kinder eine Wohnung in Ashrafieh, Aleppo gekauft, für die er hart hatte arbeiten müssen. Zu dem Zeitpunkt lebte die Familie selbst in Afrin, einer Stadt im Nordwesten Syriens, die damals noch mehrheitlich von Kurden bewohnt wurde.1 Auch Familie M. ist kurdisch. Der Besitz eines Hauses bzw. einer Wohnung ist für syrische Ehepaare der erste wichtige Schritt, um der Familie Sicherheit und Geborgenheit zu gewährleisten und ein respektables Leben führen zu können. Verantwortlich für den Kauf sind die Ehemänner. Abhängig von der finanziellen Situation der Familie der Ehefrau und abhängig von den Verhandlungen vor der Heirat, unterstützen diese die Männer finanziell. Häufig leben junge Ehepaare zunächst im Haushalt der Eltern oder Schwiegereltern bis zum Zeitpunkt des Erwerbs von Eigentum. Mit dem Kauf der Wohnung hat Herr M. den gesellschaftlichen Erwartungen an seine Rolle als Mann entsprochen und sich die Anerkennung beider Familien und des sozialen Umfeldes gesichert.

Das Dokument, das Herr M. aus Syrien mitgebracht hat und dass er wie seinen Augapfel hütet, ist eine Eigentumsurkunde über die Wohnung der Familie in Ashrafieh, Aleppo, zwei Zimmer, Küche und Bad. Anders als bei Urkunden üblich, handelt es ich hierbei um ein dünnes durchscheinendes Stück Papier, dass Herr M. mehrfach zusammengefaltet in seinem Portemonnaie trägt. Auf der Urkunde sind weder der Name der Ehefrau, noch das Geburtsdatum oder die Anschrift des Käufers oder deren syrische ID-Nummern enthalten. Ebenso wenig enthält die Urkunde offizielle Stempel als Nachweis über die formale Registrierung durch die staatliche syrische Verwaltung. Deutlich zu erkennen sind dagegen vier Fingerabdrücke, die von Herrn M. selbst, also dem Käufer, dem Verkäufer und den Augenzeugen der Transaktion stammen.

Warum trägt Herr M. diese Eigentumsurkunde seit der Flucht aus Syrien vor sechs Jahren bei sich? Welchen Wert hat das Dokument über den Besitz der Wohnung in einer Region, die vom Krieg zerstört wurde, die Menschen ihres Eigentums beraubt und sie damit quasi enteignet? Und welche Hoffnung verbindet er doch noch damit? Bereits mehrfach hat Herr M. mithilfe von Google Maps versucht herauszufinden, ob das Haus noch existiert. Außer einem schwarzen Fleck hat er auf dem Bildschirm aber nichts sehen können.

Die Antwort auf die Fragen stellt klar, dass die Bedeutung der Urkunde für Herrn M. weniger im realen Geldwert liegt, auch wenn er sich dafür sehr anstrengen musste. Die Eigentumsurkunde bedeutet für ihn sehr viel mehr: Sie ist wichtig als Nachweis über den Besitz eines eigenen Zuhauses, egal ob dieses noch existiert oder nicht. Denn: Damit hat er gezeigt, dass er gut für seine Familie gesorgt und den gesellschaftlichen Erwartungen entsprochen hat. Je länger er nicht mehr in Syrien lebt, umso wichtiger wird das Dokument für ihn als Bestätigung und Selbstvergewisserung an die Zeiten, in denen er seine Rolle als Mann und Versorger der Familie erfüllen konnte. Und schließlich sei „die Urkunde wichtig für die Zukunft seiner Kinder“. So könne es vielleicht doch sein, dass das Haus noch existiere, weshalb er sie unbedingt aufheben möchte. Ob sich diese Hoffnung erfüllt oder ob das Dokument infolge des Krieges völlig wertlos geworden ist? Diese Frage muss hier unbeantwortet bleiben.

Ute Marie Metje, Samah Al Jundi-Pfaff

[1] Afrin war seit der Flucht von Familie M. aus Syrien im Jahr 2013 mehrfach Ziel kriegerischer Auseinandersetzungen; so z.B. im Jahr 2018 zwischen türkischem Militär und kurdischer Miliz YPG. Türkische Truppen hatten gemeinsam mit Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) die kurdische YPG aus Afrin vertrieben. Zehntausende Menschen, überwiegend Kurden, haben seitdem ihr Zuhause in der nordwestsyrischen Stadt (dauerhaft) verloren (Spiegel Online 18.07.2018, Link: https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-afrin-unter-tuerkischer-herrschaft-die-kaempfer-machen-was-sie-wollen-a-1218366.html; Zugriff: 30.10.2019).

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