Die Misbaha

Eine islamische Gebetskette, häufig als Misbaha bezeichnet, besteht aus 99 unterschiedlichen, kleinen und großen Holzkugeln, die auf einer Stoffschnur zu einer Kette aufgereiht sind. Als Abschluss der Kette befindet sich oben ein ca. drei Zentimeter großes, hellbraunes Holzstück, auf dem eine kleine, hellbraune Kugel angebracht ist. Der obigen, hellbraunen Kugel entspringen zwei schwarze Stofffäden, an der die Kette festgehalten werden kann. Die Holzkugeln der Kette sind in unterschiedlichen braunen und schwarzen Farbtönen gefärbt.

Diese islamische Gebetskette stammt aus Mekka in Saudi-Arabien von Monzers Onkel, der sie nach seiner Hiǧra-Pilgerfahrt an ihn weitergab. Monzer verwendet die Misbaha während seiner Flucht, wenn er zur Ruhe kommen und neue Kraft und Hoffnung für die schwierigen, nächsten Stationen seiner Reise schöpfen möchte. Er nimmt sie in seine Hände, führt seinen Daumen über jede Holzperle und sagt bei jeder Perle einen der 99 schönsten Namen Allahs auf. Bei besonders flachen, kleinen Holzperlen, rezitiert er die Schahada, das Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Gott und Muhammad ist der Gesandte Gottes.

Während seiner Zeit in Syrien besitzt die islamische Gebetskette für Monzer vor allem einen religiösen Wert: Er rezitiert die 99 schönsten Namen Allahs so wie er auch fünf Mal am Tag betet, keinen Alkohol trinkt und im Monat Ramadan fastet. Auf der ersten Station seiner Flucht in Ägypten vollzieht er dieses Ritual mehrere hundert Male am Tag, es schenkt ihm Sicherheit und Frieden für den Moment. Auch auf dem Schlauchboot auf der Reise über das Mittelmeer nach Europa rezitiert er die Namen Allahs, führt Bittgebete aus und rezitiert innerlich die für ihn besonders zentralen Suren.

Mit Monzers neuem Wohnort in Deutschland verändert sich sein Bezug zum Thema Religion. Er sagt selbst: „Ich bin noch Muslim, aber nicht mehr religiös“ und stellt sich Fragen wie: „Wie konnte Gott den Krieg in Syrien geschehen lassen?“ Wichtiger ist für ihn heute, Menschen beizustehen und ihnen helfen zu können – so sagt er nicht wie in Ägypten mehrmals täglich die 99 schönsten Namen Allahs auf, sondern versucht sein Leben durch positive Handlungen, wie durch seine Dolmetscherfähigkeiten in Friedland, zu prägen.

Basu und Coleman stellen fest, dass sich anhand von Objekten veränderte Sicht- und Verhaltensweisen einer Person zeigen können – es wird der „Status“ einer Person erkenntlich, der sich im Falle von Monzer durch die Erfahrungen während seiner Flucht änderte und entwickelte.1

Denn während die Misbaha früher Monzers religiöse Realität erschuf2, macht sie heute die Erlebnisse seiner Fluchtgeschichte lebendig und ist ein Erinnerungsstück an seine Stadt und Erfahrungen. So befindet sich die Misbaha heute nicht mehr als ständige Begleitung in seiner Hosentasche, sondern ist in Monzers Wohnung in Eschwege untergebracht. Dennoch schafft sie es, ihm die wichtigsten Stationen und Ereignisse seiner Flucht in das Gedächtnis zu rufen und ihn seine Stadt und seinen Onkel nicht vergessen zu lassen.

Katharina Brunner

[1] Vgl. Paul Basu und Simon Coleman: Introduction. Migrant Worlds, Material Cultures. In: Mobilities 3 (3). S. 323ff. London: Routledge.

[2] Sonia Hazard hebt hervor, dass religiöse Gegenstände nicht nur „Behältnisse“ zugeschriebener Bedeutungen sind, sondern angefasst, gehört und gesehen werden. Sie sind damit nicht passiv, sondern erzeugen durch ihre Gegenständlichkeit aktiv die (z.B. von eigenen Werten und Erfahrungen geprägte) Realität ihrer Besitzer*innen. Siehe: Sonia Hazard (2013): The Material Turn in the Study of Religion. In: Religion and Society. Advances in Research 4 (1). S. 69. New York, Oxford: Berghahn Books.

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