Ein Kreuz aus Flüchtlingsbooten

Im April 2019 besuchten mein Mann und ich den Dom in Noto auf Sizilien. Direkt beim Eintritt, gut sichtbar aufgestellt, fiel uns das große Kreuz aus Holz und Eisen auf. Das Holz ist stark verwittert, manche Stücke sind gebrochen oder zersplittert, lange rostige Nägel wurden in einigen Wrackteilen belassen. Aufgrund der Höhe von gut viereinhalb Metern, der ungewöhnlichen Farbgebung in blau und rot sowie vom Material und der Form her, war es nicht zu übersehen.

Der Beschreibung am Kreuz war zu entnehmen, dass es von Elia Li Gioi, einem italienischen Künstler, aus den Überresten gestrandeter Flüchtlingsboote an der Südostküste Siziliens angefertigt wurde. Ursprünglich wurde das Kreuz für einen Besuch von Papst Franziskus am 15. September 2018 in Palermo gebaut. Zu seiner Motivation äußerte sich der Künstler in einem Interview in der Palermo Today: "Ich habe die Reste von Flüchtlingsbooten geborgen, die an der Südostküste Siziliens gestrandet sind. Das Thema der Immigration ist ein sehr wichtiges Thema für Papst Franziskus. Ich habe zwar die Wrackteile geborgen, das Kreuz aber ist von alleine entstanden.“1

Die Idee des Künstlers war es, ein Symbol für „Frieden und Solidarität“ zu schaffen. Frieden, der die Flucht vieler Menschen aus ihren Heimatländern unnötig machen würde, und Solidarität im Angedenken an die vielen toten Geflüchteten, die „im größten Grab der Welt“2, dem Mittelmeer, ums Leben gekommen sind. Es soll an die zahlreichen gescheiterten Fluchtversuche erinnern, an die häufig viel zu kleinen und völlig überfüllten Flüchtlingsboote und die damit verbundene hohe Lebensgefahr und an die unzähligen Geflüchteten, die illegal im Land verbleiben.

Laut UN sind 2016 über 5.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. 2017 starben oder verschwanden laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mehr als 3.100 Geflüchtete, 2018 waren es mehr als 2.300 Tote und Vermisste, und in der ersten Hälfte des Jahres 2019 fanden bereits 669 Menschen den Tod im Mittelmeer. Auch wenn die Anzahl der Ankünfte über die Mittelmeerroute seit 2015/2016 stark gesunken ist, bleibt diese Route die tödlichste Seeroute der Welt3 und wird zunehmend gefährlicher. So verschärft sich die aktuelle Lage im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien auch infolge des harten Kurses von Italiens rechtspopulistischen Innenminister Salvini. In ZDF Heute vom 2. Juli 2019 heißt es: „Auf dem Weg von Libyen nach Italien und Malta starb im Jahr 2018 jeder Fünfzehnte. In diesem Jahr kamen bisher 2.755 Menschen nach Italien und 1.048 in Malta. 341 Migranten starben auf dem Weg dorthin. »Das bedeutet, dass auf der Route Libyen-Italien jeder elfte Migrant und Flüchtling stirbt«, erläutert Melzer vom UNHCR.“4

Angesichts dieser Zahlen und aufgrund der Tatsache, dass vor der Küste Siziliens immer wieder Überreste gesunkener Flüchtlingsboote anlanden, verstehe ich das Kreuz im Dom von Noto als Mahnmal. Durch seine öffentliche Präsenz soll es an die Geflüchteten erinnern, denen die Gefahren der Mittelmeerüberquerung geringer erscheinen als die Bedrohung und Aussichtslosigkeit in ihren Heimatländern. Dem Kreuz als christliches Symbol könnte hier eine noch weitergehende sinnstiftende Deutung zukommen: Mit dem Kreuz verweist der Künstler auf den Tod der Flüchtlinge, die Platzierung im Dom steht sinnbildlich für die Übergabe der Toten des Mittelmeeres in die Gnade Gottes.

Ute Marie Metje

1 "Ho recuperato i resti dei barconi spiaggiati nella costa Sud-Est della Sicilia. Quello dell’immigrazione è un tema molto caro a Papa Francesco. Io ho cercato i pezzi ma la croce è venuta fuori da sé."
Trotz mehrfacher Versuche ist es nicht gelungen, mit dem Künstler in Kontakt zu treten. So wäre interessant gewesen zu erfahren, was er mit der Aussage „das Kreuz aber ist von alleine entstanden“ ausdrücken möchte. Diese Frage muss leider unbeantwortet bleiben.
2 Vgl. Der Tagesspiegel (02.07.2014), Link: https://www.tagesspiegel.de/politik/flucht-uebers-mittelmeer-das-groesste-grab-der-welt/10139228.html (Zugriff: 27.07.2019)
3 Quelle: https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/mittelmeer/ (Zugriff 13.08.2019).
4 Zitiert aus Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/heute/massengrab-mittelmeer-jeder-elfte-fluechtling-stirbt-auf-dem-weg-von-libyen-nach-italien-100.html (Zugriff 14.08.2019).

Verknüpft mit diesem Objekt