Ein jahrzehntelanger Traum... ist endlich wahr geworden

Da das syrische Regime alle Presseplattformen unter seiner Kontrolle hatte, hatten Kurd*innen kein Recht auf eine eigene Plattform. Dieses wurde ihnen erst mit der Revolution zugestanden. Mit dieser Gründung wurde der Traum, den die Kurd*innen seit Jahren gehegt hatten, wahr. Der 22. April wurde als Pressetag festgelegt, da dieser an die erste kurdische Zeitung (die den Titel Kurdistan trug) erinnert, die am 22. April 1898 in Kairo veröffentlicht wurde.

Am Anfang einer neuen Projektes stehen immer Tausende von Schwierigkeiten und Hindernisse, aber es ist mindestens doppelt so schwierig, wenn im eigenen Land Krieg herrscht. Ich arbeite zurzeit bei Ronahî TV, dem ersten kurdischen Fernsehsender in Rojava. Wir bestellen all unser Equipment aus dem Ausland, und wenn es größere Geräte sind, bleiben sie jahrelang an den Grenzen stecken, weil die benachbarten Länder (Türkei und die Autonome Region Kurdistan im Nordirak) die Geräte nach Rojava nicht durchlassen.

Uns fehlen noch viele Dinge. Es ist zum Beispiel schon fünf Jahren her, dass ich begonnen habe, den Kampf gegen den IS journalistisch zu begleiten, aber ich habe bis jetzt noch keine Selbstverteidigungsstrategien oder Erste-Hilfe-Kurse erhalten und die meisten Journalisten, die hier arbeiten, haben so etwas auch nicht.[ii]

Es gibt einen Tag im Jahr 2015, den ich nie vergessen werde. Es war der Tag der QDS-Operation gegen den IS in der Stadt Al-Haul. Wir hatten uns an dem Tag bereits dreimal verlaufen, waren nur ein paar Meter von IS-Kämpfern entfernt und wären fast auf dem Gebiet des Kalifats gelandet. Wir wussten, dass sie uns - sollten sie uns erwischen – enthaupten würden, so wie viele andere zuvor! Aber zum Glück hatten uns ein paar Zivilist*innen Hinweise gegeben und wir fanden den richtigen Weg. Oftmals werden Journalist*innen in den Kriegsgebieten auch mit einem Militärfahrzeug hin- und hergefahren. Man kann aber nie sicher sein, dass keine Granate einschlägt und explodiert und man dann womöglich ein ähnliches Ende wie Dilîşan findet.

Für mich, Dilîşan und hunderte andere, die als Journalist*innen in Rojava arbeiten, gibt es viele Beweggründe, warum wir dies tun. Im Großen und Ganzen gibt es jedoch zwei Motive, die besonders ausschlaggebend sind:

Zu allererst wird unser lang gehegter Traum hier und heute wahr: Wir können und dürfen uns auf einer Presseplattform auf Kurdisch äußern. Nicht vergessen sind die Grausamkeit und die Gewalt, die durch das syrische Regime gegen uns und unsere Sprache ausgeübt wurde. Früher reichte es aus, auf Kurdisch zu sprechen, um zu langen Haftstrafen verurteilt zu werden.

Zweitens war es das erste Mal, dass unser Land befreit wurde. Unsere Heimat auf diese Weise zu erleben, ist für sehr viele Kurden eine unbeschreibliche Freude. Diese Schönheit wollen wir der ganzen Welt zeigen!

Natürlich sind die Entwicklungen unserer Arbeit und unseres Landes noch längst nicht abgeschlossen. Nach wie vor sind die Stimmen der Waffen und des Krieges zu hören. Für meine Arbeit hoffe ich, dass der Krieg bald zu Ende geht und ich dann eine Chance erhalte, mich im Medienbereich weiterzuentwickeln. Obwohl ich schon viel gelernt habe und ich dieses Jahr als bester Journalist in Rojava geehrt wurde, glaube ich, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss.

Im Allgemeinen bin ich optimistisch für Rojava und hoffe, dass sich unsere Situation kontinuierlich weiter verbessert. Aber insbesondere die Angriffe des türkischen Staats stellen weiterhin eine Bedrohung für mich und die Menschen in der Region dar. So haben sie angekündigt, unsere Gebiete zu besetzen, genauso wie sie es mit dem Kanton und der Stadt Afrin getan haben.

Ich wünsche mir ein Museum für Dilîşans Kamera und für viele andere Gegenstände journalistischer Ausrüstung, die im Krieg zerstört wurden, damit sie und die damit verbundenen Personen und Geschichten niemals in Vergessenheit geraten.

Abschließend danke ich auch diesem Projekt für die Wertschätzung von Rojava und meiner Arbeit.

Mein Wunsch ist es, dass jede und jeder an diesem lebendigen Projekt teilnimmt.

Hoşeng Hesen (aus dem Kurdischen von Sîlva Oso)

[i] In Rojava leben verschiedene kurdische, arabische, turkmenische, tscherkessisch, aramäische und syriakische Gruppen zusammen. Dies spiegelt sich auch in den politischen Verwaltungsstrukturen der Demokratische Föderation Nordsyrien (DFNS) wider. Im Gesellschaftsvertrag Rojavas (siehe http://civaka-azad.org/der-gesellschaftsvertrag-der-demokratischen-foederation-von-nordsyrien/) sind die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und die Abschaffung der Todesstrafe verankert.

[ii] Syrien belegt laut der NGO Reporter ohne Grenzen Platz 174 von 180 in der Rangliste der Pressefreiheit und zählt damit zu den gefährlichsten Ländern für Journalist*innen. Das Assadregime sowie bewaffnete islamistische Gruppen verfolgen, bedrohen und töten demnach Medienschaffende systematisch (siehe https://www.reporter-ohne-grenzen.de/syrien/ [29.07.2019]).

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