Illegal auf der Flucht - Der zerbrochene Ring

Ein silberner Ehering mit eingearbeitetem roten (Halbedel-)Stein, verziert mit einem geometrischen Muster, das Silber matt glänzend. Dieser Ring ist für einen jungen Mann aus Eritrea einziges Erinnerungsstück an sein Zuhause, seine Familie, Ehefrau und seine Tochter. Bei seinem Aufbruch vier Jahre zuvor hatte ihm seine Frau ihren Ehering an den rechten Ringfinger gesteckt. Sie war damals im vierten Monat schwanger.

H. A., 27 Jahre alt, aus Eritrea, gelernter Maler und Maurer, hat 2014, wie viele seiner Landsleute, Eritrea wegen des verpflichtenden Nationaldienstes (national service), der wirtschaftlich desolaten Lage des Landes und der staatlichen Willkür verlassen (vgl. SFH Bern 2017). Seine Flucht führte ihn über mehrere Stationen im Sudan nach Libyen. Zur Überquerung der Grenze musste er die Hilfe von Schmugglern in Anspruch nehmen. Er landete in einem Flüchtlingslager im Niger, wo er sich für das UNHCR-Resettlement-Programm registrieren ließ. Im Oktober 2018 kam er schließlich im Grenzdurchgangslager Friedland an. Während der vierjährigen Flucht hat er auf der Straße oder in Flüchtlingslagern gelebt, zeitweise war er im Gefängnis. Wie er sich in dieser Zeit finanziell über Wasser gehalten hat, darüber haben wir nicht gesprochen.

Der einzige Gegenstand, den H. A. aus seinem Heimatland retten konnte, ist ein Ring. Im Gespräch holt er ihn aus seiner Hosentasche und zieht ihn auf den rechten Zeigefinger: „Look, this ring is broken, and meanwhile as tired as me, we faced all the problems on our way.“

Seine Aussage, der „Ring ist inzwischen genauso kaputt und müde wie ich…“ macht die Gefühlslage von H. A. deutlich: Nach vier Jahren auf der Flucht, illegal unterwegs, fernab seiner Familie, zumeist allein und immer wieder auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen, fühlt er sich angeschlagen, kaputt und ohne Kraft. Besonders schwierig hat er die Monate in Lybien erlebt, „because every person has a weapon, and even the children might kill you.“ Magnus Treiber (2017: 156) beschreibt solche Momente, die eritreische Flüchtlinge durchleben als „komplexes Dilemma“, denn illegal auf der Flucht zu sein bedeutet permanente Unsicherheit statt Sicherheit, Unruhe statt Ruhe, Misstrauen gegenüber fast allen Menschen anstelle von Vertrauen und die ständige Gefahr und das Bewusstsein, Schleppern, der Polizei etc. machtlos ausgeliefert zu sein. Diese teils jahrelangen Erfahrungen und in Unsicherheit entwickelten Handlungsmuster erschweren eritreischen Geflüchteten die Ankunft und Integration in Deutschland.

Der iranische Sozialwissenschaftler Sharam Koshravi, selbst viele Jahre lang illegal auf der Flucht, schreibt: „‚illegal’ migration can mean a lifelong separation from family, friends, home. It is a journey of adversity, peril, deterioration, physical pain and tears. It is a journey of indefinite route, length, cost and destination. You do not know what to expect and no one expects you!” (Koshravi 2010: 14).

Für H. A. ist es an der Zeit, endlich anzukommen. Der Ring ist die einzige und letzte Verbindung zu seiner Frau und seiner Tochter, die er noch nicht kennt. Der Ring ist ein ganz besonderes Objekt mit zentraler Bedeutung für ihn, den seine Frau als Ehering selbst am rechten Zeigefinger getragen hat und in den seine Erfahrungen und Herausforderungen auf der Flucht eingeschrieben sind. Ein Objekt verbunden mit der Hoffnung auf den Nachzug seiner Frau und Tochter. Ob das gelingt?

Ute Marie Metje

Literatur

Sharam Khosravi (2010): Illegal Traveller. An Auto-Ethnography of Borders. Palgrave Macmillan: Hamshire/New York.

Magnus Treiber (2017): Migration aus Eritrea. Wege, Stationen, informelles Handeln. Reimer Verlag: Berlin.

Online verfügbar:

Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH Bern (2017): Eritrea: Nationaldienst. Themenpapier der SFH Länderanalyse. Link:

(https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/afrika/eritrea/170630-eri-nationaldienst.pdf).

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