Die tadschikische Schallplatte

Musik wirkt für mich als Verstärker von Erinnerungen: Wenn ich mich daran erinnern möchte, wie ich mich in einer vergangenen Phase meines Lebens, an einem bestimmten Ort oder zusammen mit einem Menschen gefühlt habe, höre ich mir nochmal die Musik an, die ich damit verbinde. Zwischen den Tönen spüre ich dann subtile Nuancen meines damaligen Lebensgefühls, die kein Foto und kein Text wiederbringen können. Tonträger sind für mich eine Art Souvenir aus der eigenen Vergangenheit

Als Lydia Hoffman Anfang 1981 ihre Ausreise aus Tadschikistan in die Bundesrepublik plante, nahm sie nur sehr wenig Gepäck mit. Obwohl ihre Familie bis dahin fast nur russische und deutsche Musik hörte, brachte Sie diese Platte des berühmten tadschikischen Sängers Djurabek Murodov mit. Ein Andenken an den Moment ihres Abschieds aus dem Land in dem sie aufgewachsen ist.

Nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik hörte sie die Platte dann allerdings gar nicht mehr. Aufgehoben hat sie sie trotzdem – vielleicht als Erinnerung an ihren Versuch, Erinnerung zu schaffen. Ihr Vorhaben, gezielt etwas festzuhalten, hat sich somit zwar realisiert, allerdings auf eine andere Art und Weise als sie dachte.1

Für mich Bedeutet das, dass man Erinnerung zwar beeinflussen aber letztlich nicht abschließend planen kann. Durch die Musik auf der Platte kann nun auch ich einen Eindruck bekommen, von der Atmosphäre in Tadschikistan im Moment von Lydia Hoffmanns Abschied.

Thomas Drerup

[1] Die Schallplatte ist nun in der Obhut des Museums Friedland. Seit dessen Eröffnung wird sie im Dachgeschoss des Museums, im Raum "7 Sachen" ausgestellt.

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